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Festland unter den Rädern

21.12.2019 – 01.01.2020

Mit sechs Stunden Verspätung, viel Wellengang und acht üblen Stunden Seefahrt sind wir in Topolobampo angekommen. Wer schon einmal seekrank war, weiss von was die Rede ist. Wie froh waren wir, diese Nacht auf See hinter uns gebracht zu haben und wieder auf unseren Sätteln zu sitzen. In Los Mochis erholten wir uns in einem Hotelzimmer von diesen Strapazen.

David, der sich in Topolobampo ebenfalls von der Seefahrt erholen musste, meinte, dass die Strecke von Los Mochis nach Mazatlan eher eintönig sei. Viel Landwirtschaftsfläche und eine gerade Strecke im Flachen sei da vorzufinden. So entschieden wir uns, den Bus für die 415 km bis nach Mazatlan zu nehmen. Die Suche nach einem Busunternehmen, das auch Fahrräder transportierte, war nicht ganz einfach. Hinzu kam, dass zu dieser Zeit vor Weihnachten viele Leute in den Süden wollten. Somit war der Platz für Gepäck etwas beschränkt. Beim Busunternehmen allAbordo schien jedoch alles sehr unkompliziert. Sie hatten noch genügend freie Sitzplätze und die Fahrräder mussten wir nicht einmal entladen. Und als wir dann noch sahen, was der Bus alles auf dem Kasten hatte, konnten wir unser Glück kaum fassen! Toilette, Wifi, Unterhaltung, Snacks sowie USB-Plugins zum Laden von Geräten wurde auf der Fahrt angeboten. Wer also eine Busfahrt im Bundesstaat Sinaloa plant: allAbordo hat’s drauf! 😉





Wir haben uns zu Beginn in Mexiko immer wieder gefragt, wie man es hierzulande mit dem Toilettenpapier handhabt. Manchmal steht eine Notiz an der Tür, dass man das Toilettenpapier nicht in die Toilette sondern in den Abfallkorb schmeissen soll. Andernorts ist eine solche Notiz nicht zu finden, dafür aber der Abfallkorb. Für die Frauen unter uns ist das ja nichts Ungewöhnliches. Wir fragen uns immer wieder, ob man das Papier jetzt in der Toilette darf verabschieden oder nicht. Und wenn nicht, was wohl der Grund dafür ist. Fliesst das etwa alles direkt ins Meer ab? Wir haben uns im grossen weiten Netz schlau gemacht! =) Anscheinend sind die Abwassersysteme in Mexiko nicht sehr robust gebaut. Verstopfte Rohre sind daher ein schnell auftretendes Problem. Somit ist bei uns ab sofort volle Konzentration auf dem Klo angesagt, denn Automatismen überwindet man nicht so leicht! =)



Mazatlan mit ihren 380’000 Einwohnern liegt genau gegenüber von der südlichsten Spitze der Baja California. Der Name der 200 Jahre alten Stadt bedeutet in der Sprache Nahuatl «Platz des Hirschen». Schnell wurde uns klar, warum unter vielen Statuen von Meerestieren eine Statue eines solchen Hirsches an der Küste des Pazifiks zu finden ist. Und das ziemlich gute Bier «Pacifico» hat hier seine Wurzeln. Hier verbrachten wir die Weihnachtstage und genossen das gute Essen, die lebendigen Strassen, die hübsche Altstadt, den Markt sowie das Backen von Spitzbuben. Da das Mexikanische Volk Feuerwerk liebt, gab es auf der Gasse viele solche Stände mit diesen Bunten Knallkörpern!












































Langsam aber sicher bekommen wir den Alltag wie Wäsche waschen auf Spanisch gut hin. Wir machen sicher noch einige Fehler in der Aussprache und in der Satzbildung. Und noch häufig fehlen uns die Wörter, sobald es um neue Dinge wie Nähfaden oder Busticket geht. In solchen Situationen braucht es aber auch von uns Geduld und ein bisschen kreatives Umschreiben, um das Gewollte ausdrücken zu können. Wir bemerkten aber schnell, dass die Menschen hier in Mexiko sehr geduldig und hilfsbereit sind, sobald man sich in ihrer Sprache versucht. Sie zeigen sich dabei sehr interessiert und schnell entstehen so tolle Gespräche. Gar keine Freude zeigten sie, wenn die erste Frage «¿Hablas inglés?» war. Diesen Fehler machten wir nur einmal! =)



Das nächste Fest steht vor der Tür: Silvester. Dafür möchten wir bei Chris Todd auf der Matte stehen. Mit ihm sind wir ca. zwei Wochen lang in Oregon und Californien gereist. Er, sein Bruder und Freunde sind zur Zeit in Sayualita, das ca. 40 km nördlich von Puerto Vallarta liegt. Daher bleiben wir noch ein wenig an der Küste, bevor wir dann ins Innere des Festlandes radeln. Unser erstes Tagesziel nach unseren Tagen in Mazatlán war das Städtchen Escuinapa. Wir haben uns für die eigentlich kostenpflichtige Autostrasse 15D entschieden, da sie im Gegensatz zur alten und parallel verlaufende Autostrasse 15 einen Seitenstreifen hat. Eigentlich sind Fahrräder auf dieser «cuota» verboten, die Polizei und Kassierer an den Zahlstellen winken uns jedoch beim Passieren jeweils freundlich durch. Dafür mussten wir uns den Lärm der vielen Lastwagen und Autos anhören. Zu Beginn des Tages ist das nicht sehr tragisch, doch mit der Zeit merkten wir, dass dieser andauernde Lärm müde macht und anstrengend ist.
Von anderen Tourenfahrern wissen wir, dass die Feuerwehr Fahrradfahrern anbietet, ihr Zelt auf dem Posten aufzuschlagen und deren Einrichtungen wie Toilette und Dusche zu nutzen. Somit machten wir uns am Weihnachtsabend in Escuinapa auf die Suche nach den Bomberos Voluntarios und wurden auch schnell fündig. Die Jungs nahmen uns herzlich auf, fragten uns über unsere bisherige Reise aus und zeigten sich sehr hilfsbereit. Mit den jüngsten zwei Freiwilligen ging Aurelia gar in der Stadt einkaufen. Das war eine tolle Abwechslung, die natürlich auf Spanisch zu geniessen war. Und Tom konnte seine Wurf- und Fangfähigkeiten im Baseball zeigen. Als dann am späteren Abend der Alarm losging und die Jungs ein kleineres Feuer zwei Häuser weiter löschen gehen mussten, kamen wir da sogar in das Vergnügen zu sehen, wie es da so abgeht, wenn sie einen Einsatz haben. Juan, der älteste der Gruppe wechselte nicht einmal die Kleider und fuhr mit kurzen Hosen und T-Shirt zum Brand. Ja warum kompliziert, wenn es einfach geht? 🙂















Etwa 50 km südlich von Rosamorada haben wir uns dann auf die alte Autostrasse gewagt. Der Verkehr da nahm ab, jedoch mussten wir stets auf der Hut sein, da kein Seitenstreifen mehr für uns da war. Dafür kamen wir mit der Umgebung voll auf unsere Kosten. Je südlicher wir kamen desto grüner und fruchtiger wurde es. =) Und auch die Fauna wurde etwas exotischer: Echsen, Spinnen und Schlangen lagen tot auf oder lebendig neben der Strasse. Etwas gefährlicher wurde es dann kurz vor San Blas. Dort sonnten sich Krokodile in aller Ruhe am Strassenrand. Zur Beruhigung: ein Zaun trennt diese wilden Kerle von den vielen vorbeifahrenden Autos. 













Die Mexikaner sind ein freundliches Volk. Auch hier auf dem Festland winken sie uns zu und einige halten ihren Daumen beim Vorbeifahren hoch. Es gibt aber auch solche, die uns mit «Hola, Gringo» begrüssen oder Kinder, die auf uns zeigen und «Gringo!» rufen. In kleineren Städten wie Escuinapa oder Rosamorada schauten uns viele Leute mit einem ein wenig misstrauischen Blick an. Sobald man sie aber mit einem Lächeln und «Buenas Tardes» begrüsst, macht das misstrauische Gesicht einem Lächeln Platz. Wenn sich ein kleines Gespräch ergibt und das natürlich in spanischer Sprache, dürfen wir freundliche Begegnungen geniessen. Es ist für uns nicht immer einfach, dieser ersten Hürde mit der nötigen Offenheit und Freundlichkeit zu begegnen. Hinzu kommt, dass diese Hürde logischerweise nicht bei jeder Person überwindet wird, an der wir vorbeilaufen oder -fahren. Wir fühlen uns dann manchmal als etwas abgestempelt, was wir gar nicht sind und dieses Gefühl ist nicht immer angenehm. Unter dem Wort «Gringo», das soviel bedeutet wie «Cowboy», verstehen heute die meisten Mexikaner und wir die Bezeichnung für Amerikaner. Es gibt sicher einige Gründe, warum diese grundsätzlich in Mexiko nicht sehr beliebt sind. Wir haben aber immer wieder tolle Menschen in den Staaten kennenlernen dürfen, die die jetzige Situation im weissen Haus alles andere als gutheissen. Doch schade dabei ist aber, dass es uns so scheint, dass einige Mexikaner nur diese eine fremde Herkunft kennen und so die Reisenden und Feriengäste in einen Topf schmeissen. 

Wir tankten noch einmal ganz viel Meeresluft bevor es dann weg von der Küste nach Guadalajara geht. Wir trafen uns mit Chris und seinem Bruder in Suyalita und verbrachten da einige Tage. Was uns da so erwartete, war uns bei der Ankunft nicht ganz bewusst. Viele Touristen, ob jung oder alt, Single, Pärchen oder Familien, jedes Alter und jeder Zivilstand war da zu finden. Farbige mexikanische Deko hängt über den Gassen, die voll mit Souvenirständen bepackt sind. Da wir kurz vor Jahresende in diesem Dorf ankamen, war es nicht ganz einfach eine Unterkunft zu finden. Schlussendlich fanden wir bei Conny eine witzige Lösung. Auf der Dachterasse ihres Hostels «Casa Amistad» liess sie uns unser Zelt aufstellen. Dusche, Küche, einen schönen Innenhof sowie einen Kolbenkaffeemaschine versüsste das Ganze! 









Der Strand in Suyalita ist zum Glück ziemlich gross. Die vielen vielen Gäste hatten da wohl alle ein Plätzchen gefunden. Wir haben die hohen Wellen nachmittags genossen und wurden ab und zu sogar wie in einer Waschmaschine herumgespühlt. Und endlich haben wir uns für eine Surflektion entschieden. Zuerst erhielten wir eine Einführung im Trockenen und dann ging es ab ins Wasser. Zwei Stunden lang hiess es paddeln, paddeln, paddeln, aufstehen, Gleichgewicht finden und wieder zurückpaddeln. Mann mann, das war anstrengend! Unsere Arme mussten sich so richtig ins Zeug legen. Aber sobald wir auf dem Brett standen, hat das so richtig Spass gemacht!



Mit viel Feuerwerk und Knall rutschten wir zusammen mit Chris und seinem Bruder und Freunden ins neue Jahr 2020. Im alten Jahr sind wir von unangenehmen Überraschungen oder grösseren Gefahren verschont geblieben und dafür sind wir sehr dankbar. Immer wieder stellen wir fest, wie viel Glück wir haben. Sei das im Verkehr, mit den Menschen denen wir begegnen und natürlich das Reisen an sich! Uns ist bewusst, dass das alles andere als selbstverständlich ist und sind darum unheimlich froh und glücklich, dass wir bis hier hin nach Sayulita ohne grossen «Kratzer» reisen durften. Wir sind gespannt was das neue Jahr 2020 für uns bereit hält, wo es uns überall noch hinführt und mit was wir zu kämpfen haben werden.



Mittlerweile haben wir eine Strecke von 9000 km mit dem Fahrrad hingelegt. Als Paar haben wir schöne Momente gemeinsam genossen und Schwierigkeiten zusammen gemeistert. Für uns ist das wild Campen immer etwas vom Schönsten. In der Natur, weg vom Mensch und Lärm fühlen wir uns wohl und sicher. Da haben wir viel Zeit um über Erlebtes zu plaudern und das Kommende zu planen und darüber zu träumen. Es gibt aber auch schwierige Momente in unseren gemeinsamen 7 x 24 Stunden pro Woche. Zum Beispiel ist Tom häufig sehr vorausschauend, während sich Aurelia meist erst dann mit Problemen beschäftigt, wenn sie dann auch auftreten. Tom hat bereits die Einkaufsliste im Kopf, wenn er das Frühstück macht. Aurelia ist da etwas anders gestrickt. Sie macht die Taschen auf und schaut vor dem Supermarkt nach, was alles fehlt. Dass da dann solche kleine Reibereien auftreten ist für uns klar. Bis jetzt haben wir solche Uneinigkeiten gut meistern können. Wir kennen uns mit jedem Tag etwas besser und lernen dabei, trotz Regengüssen, matschigen Wegen und anderen Hürden vorwärts zu kommen. Darum: los geht’s mit den nächsten 9000 km! =)



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4 Comments

  1. Syb Januar 5, 2020

    Prima, dann seid ihr Beiden gut ins neue Jahr gestartet! Es sieht typisch bunt aus auf dem Markt, und das freut uns Gringas ja amigs sehr 🙂 Me parece que «Gringo» dice «Blanco», no siempre Estaduniese, no? Gracias a Dios y al Sol, en Costa Rica – unos anos atras – fue la «Gringa» para unos Dias, y despues «Morena».
    Also Krokodile neben der Strasse tönt etwas gfürchig, und ihr hattet die Nerven anzuhalten und sie zu föttelen, naja, jede*r das ihre
    Also, ich wünsch euch weiterhin stramme Wadli und bunte Begegnungen! Pura Vida!
    Herzlich, syb.

  2. fred Januar 7, 2020

    Looking forward to following you through 2020 and beyond! So happy I was able to enjoy a small part of 2019 with the two of you. Safe travels, my friends.

  3. Jess Januar 12, 2020

    Great to meet you both last week in Sayulita. These are lovely photos and stories, and looking forward to following your journey onward!

  4. Luis Hoffmann März 14, 2020

    Vielen lieben Dank für den informativen Post!

    Toller Blog.

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